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Klimawandel:
Jahrelang war Umweltschutz in Israel kein Thema
Gil Yaron
Es ist wohl der
bekannteste Zweikampf der Geschichte: Vor rund
zweitausendfünfhundert Jahren besiegte der Schafhirte David
den mächtigen Goliath. Südlich des Elah-Tals
wiederholte sich vor Kurzem das Gefecht, als eine kleine
Umweltschutzbewegung im Streit mit dem Verteidigungsministerium die
Oberhand behielt. Die Planierraupen der Armee, die im Negev das Areal
für ein neues Ausbildungszentrum planieren sollten, stehen
still, nachdem der gemeinnützige Verein „Adam, Teva
Vadin" vor Gericht einen Baustopp erzwang. Die Richter ließen
sich von den Bedenken wegen potenzieller Gesundheitsschäden
überzeugen, denn die Kaserne soll direkt neben einer
Sondermülldeponie entstehen. Zum ersten Mal in der Geschichte
Israels wurde damit das Kleeblattgrün der
Umweltschützer dem Olivgrün der Militärs
vorgezogen. Im von Terror und Krieg gebeutelten Israel genossen bisher
Sicherheit und militärische Belange Vorrang vor anderen
Themen. Doch langsam vollzieht sich ein Wandel. Noch bevor der neue
Staatspräsident, Friedensnobelpreisträger Schimon
Peres, seinen Posten antrat, erhob er den Umweltschutz zum zentralen
Thema seiner Amtszeit. Der Vater des israelischen Atomprogramms,
Gründer der Verteidigungsindustrie und Visionär des
„neuen Nahen Ostens" hat das Potenzial grüner
Technologien erkannt. Jetzt will Peres Israel zum
größten Freilichtlabor der Welt für
umweltfreundliche Entwicklungen machen.
Peres geht mit
gutem Beispiel voran. Schon im kommenden Jahr sollen seine Residenz
dank Solarenergie abgasneutral werden, Papier und Wasser lediglich aus
Recycling stammen. Peres will innerhalb weniger Jahre in Israel ein
flächendeckendes Versorgungsnetz für Elektroautos
errichten. Doch nicht nur Peres hat Grün als neue Trendfarbe
erkannt: „Wir bekommen immer mehr Anfragen von
Parlamentariern. Die Umweltlobby in der Knesset umfasst inzwischen mehr
als 40 von 120 Abgeordneten", freut sich Scharon Achdut, Sprecher des
israelischen Umweltschutzministeriums.
Allerdings
herrscht auch akuter Nachholbedarf. „Luftverschmutzung und
Zigaretten töten hier viel mehr Menschen als Terror und
Krieg", sagt Mossi Ras, Direktor der oppositionellen Meretz-Partei.
Während Deutschland 64 Prozent des Hausmülls
wiederverwertet, liegt der Anteil in Israel bei nur 23 Prozent. Laut
einer Studie des Umweltschutzministeriums fallen im Ballungsraum Tel
Aviv jährlich 1.300 Menschen der Luftverschmutzung zum Opfer.
Gleichzeitig ist die reichste Industrienation am östlichen
Mittelmehr auch dessen größter Verschmutzer. Jedes
Jahr leitet die Industrie mit Erlaubnis der Regierung 140 Tonnen
Schwermetall ungeklärt ins Meer. Die meisten Flüsse
des Heiligen Landes sind zu stinkenden, lebensgefährlichen
Rinnsalen verkommen. Dies wurde 1997 deutlich, als bei der Makkabiade
in Tel Aviv eine Brücke über dem Yarkonfluss
zusammenbrach. Vier Sportler überlebten den Sturz oder den
Kontakt mit dem verschmutzten Wasser nicht, 69 leiden unter teilweise
lebenslangen Krankheiten.
Doch die
Zeichen stehen auf Fortschritt. Das Unglück über dem
Yarkon gab den Anstoß, den Fluss im Herzen Tel Avivs zu
sanieren. „Die Anrainer des Yarkon verstehen endlich, dass
der stinkende Bach in ihrem Hinterhof zu kostbarem Kapital werden kann,
wenn er richtig genutzt wird", erklärt David Pargament,
Direktor der Yarkon-Behörde, die für die
Klärung des Flusses verantwortlich ist. Pargament berichtet
von wachsendem öffentlichen Interesse:
„Früher waren unsere Konferenzen leer. Jetzt kommen
alle Bürgermeister, und sie haben begonnen, mit uns zu
kooperieren", so Pargament. Nachdem der Yarkon wegen des intensiven
Abpumpens fast austrocknete, fließen dort heute wieder 400
Kubikmeter Frischwasser pro Stunde. Das ist zwar nur ein Bruchteil der
ursprünglichen Menge von stündlich 25.000
Kubikmetern, trotz dem sind Teile des 27 Kilometer langen Flusses
wieder zu einem beliebten Naherholungsgebiet geworden. Die Entwicklung
lässt sich am Wohnungsmarkt ablesen: Wurde der Yarkon
früher hinter Industriegebieten versteckt, ist der Ausblick
auf den wieder auflebenden Fluss zum Verkaufsvorteil für
Wohnungen geworden.
Beim Kampf
für die Umwelt verschwinden ideologische Unterschiede:
Arabische und ultranationale Israelis ziehen am selben Strang, wenn es
um saubere Luft und Wasser geht. Und nicht nur der rechte Likud
gründete ein grünes Forum, auch in der linken
Meretz-Partei versucht man, sich grün zu profilieren. Studien
schätzen, dass bei der nächsten Wahl etwa 12 Mandate
auf eine Umweltschutzpartei entfallen werden. »Die deutschen
Grünen sind unser Vorbild", sagt Mossi Käs von
Meretz. Die Klimaanlagen sollen sparsamer eingestellt und
Parteimitteilungen nur noch auf recyceltem Papier gedruckt werden,
Plastik ist in den Parteifilialen tabu. »Nicht nur im Kampf
zwischen Parteien, auch innerhalb der Organisationen ist Umweltschutz
zu einem Thema geworden, mit dem junge Politiker sich zu profilieren
suchen", erklärt Scharon Achdut. War früher
militärisches Heldentum wichtigste Voraussetzung für
eine Karriere in der Politik, setzt Nachwuchs wie Mossi Ras oder der
Likud Hinterbänkler Gilad Erdan auf das Öko-Ticket,
um sich einen Platz in den Wahllisten zu sichern.
Doch trotz all
der Euphorie ist der Weg zur grünen Nation noch lang. Auch
wenn der Umweltschutz in den Städten zum Wahlkamplthema wird,
lässt er die breite Bevölkerung noch kalt, wie die
Berge von Müll bezeugen, die Ausflügler an Feiertagen
in den Naturschutzgebieten hinterlassen. Das Ministerium für
Umweltschutz erhält kaum 0,1 Prozent des Staatshaushaltes, in
Deutschland ist der Anteil am Budget dreimal so hoch. Den
Knessetabgeordneten wurde dieses jähr angeboten, ihren
Dienstwagen gegen ein Hybridauto einzutauschen, doch nur zwei
Parlamentarier entschieden sich für den kleineren,
umweltfreundlicheren Wagen. So hat der grüne David in Israel
seine erste Schlacht und wichtige Verbündete gewonnen, doch
der Weg zum Mainstream ist noch weit. Aber selbst der biblische
König brauchte nach gewonnenem Kampf noch Jahre, bis er
endlich das Zepter in der Hand hielt.
Jüdische
Allgemeine, 20. Dezember 2007
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