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Israel
im Überblick
Spur des Todes
Die Gewalt im
Gaza-Streifen zwischen der Fatah und der Hamas hat einen neuen
Höhepunkt erreicht. Wann begann der Bürgerkrieg?
Von Gil Yaron
Niemand kann
genau sagen, wann die Eskalation in Gaza begann. Sicher ist, dass beide
Seiten darauf aus sind, sich gegenseitig in Grausamkeit zu
überbieten.
Es reicht
längst nicht mehr, den Gegner wie im Falle des
Fatah-Aktivisten Abul Dschidyan mit 45 Gewehrkugeln zu
durchlöchern. Die Hamas war zukunftsweisend, als sie einen
Fatah-Aktivisten entführte und aus der 15. Etage in den Tod
stürzte. Wenige Stunden später revanchierte sich die
Fatah, indem sie ein Hamas-Mitglied aus dem 12. Stock warf.
Gezielte
Angriffe auf die Privatwohnsitze der Aktivisten gelten den Familien -
wie im Falle des Fatah-Aktivisten Abu Rabie, dessen Mörder bei
einem Angriff auf dessen Haus gestern gleich drei Frauen und dessen
14-jährigen Sohn mittöteten.
Kein Ort ist
mehr heilig. Gegner werden auf den Eingangstreppen von Moscheen
niedergemäht. Schon lange beinhaltet der Modus Operandi beider
Seiten, Krankenwagen den Zugang zu Verletzten zu verwehren, indem man
auf sie schießt. Aber nun werden Krankenhäuser zu
Kriegsschauplätzen. Kämpfer suchen dort nach
verletzten Gegnern oder wollen ihnen jede medizinische Versorgung
versagen. Gestern gelang es der Hamas, drei Hospitäler in ihre
Gewalt zu bringen.
Für
Bassam Id, ein palästinensischer Menschenrechtler, der seit
Jahren die Gewalt gegen sein Volk dokumentiert, war ein Tag im Dezember
der Wendepunkt.
Unbekannte -
viele vermuten die Hamas - stoppten den Dienstwagen von Bahaa
Baaluscha, einem Oberst im Sicherheitsdienst und hochrangigem Mitglied
der Fatah, und durchlöcherten ihn mit mehr als 60 Kugeln.
Doch der
Offizier befand sich zu der Zeit in seinem Haus. In dem Wagen
saßen seine drei Söhne auf dem Weg zur Schule. Die
Rettungsdienste fanden später die blutigen Schulranzen und
Sandwichdosen des neunjährigen Osama, seines
sechsjährigen Bruders Achmed und des drei Jahre alten Salam,
dessen Name Friede bedeutet.
„Die
Kinder sind hingerichtet worden, weil man an ihren Vater nicht
herankam", sagt Id. Im Kopf eines Jungen sollen zehn Kugeln gesteckt
haben. Damals schwor die Fatah Rache.
Der
palästinensische Journalist Mohammed Dawwas glaubt in dem
kaltblütigen Mord des Fatah-Aktivisten Mohammed Gharib den
Wendepunkt zu erkennen, der die Kämpfer heute einander mit
beispielloser Grausamkeit töten lässt. Gharibs Haus
wurde von einem Kommando der Hamas stundenlang belagert und beschossen,
bis er und seine Leibwachen sich ergaben.
Auf dem Dach
seines Hauses ereignete sich dann im Januar der Mord, von dem Gaza bis
heute spricht. Dreimal kehrten Hamas-Kämpfer zu dem
gefesselten Fatah-Führer zurück und schossen ihm in
die Beine. Vor der erlösenden Kugel in den Kopf erschossen die
Kämpfer der Kassam-Brigaden noch seinen 19-jährigen
Neffen Thar vor Gharibs Augen.
Den
Leibwächtern wurden danach die Kniescheiben durchschossen,
bevor man sie aus fahrenden Fahrzeugen in die Gassen Gazas warf. Eine
Unbekannte Anzahl von Aktivisten beider Parteien hat inzwischen
dasselbe Schicksal ereilt - zur Abschreckung oder aus Rache.
Auch die
Kassam-Brigaden der Hamas erinnern sich an Szenen, die sie vor jedem
Schusswechsel motivieren und ihr Blut in Wallung bringen. Ihr Erzfeind
ist Mohammed Dahlan, Sicherheitsberater des Präsidenten und
ehemaliger Chef eines Geheimdienstes der Fatah. Der war im Jahr 1996
für die grausame Unterdrückung der Hamas
mitverantwortlich.
Nachdem damals
Gläubigen die Bärte abrasiert und Aktivisten in
Kellern gefoltert worden waren, plant die Hamas ihre Rache. Seit
gestern hat sie neue Märtyrer, wie den wichtigsten Prediger
der Organisation, den 30-jährigen Mohammed AI Rafati, dessen
Leiche rachelustig auf der Webseite der Organisation gezeigt wird. Er
wurde aus seinem Haus entführt und später von
Mitgliedern der Präsidentengarde erschossen.
Braunschweiger
Zeitung vom 13. Juni 2007
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