Arbeitsgemeinschaft Braunschweig

Home

 

 

       

 

 

Presseschau

Rund 250 000 Überlebende der nationalsozialistischen Konzentrationslager leben heute in Israel - viele von ihnen in Armut, weil die staatliche Rente nicht ausreicht.

Die vergessenen Opfer

Für Esther Frank hat der Kampf ums Überleben erst begonnen. Die Rentnerin, die die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt durchstand, muss sich vor ihrem Einkauf gut überlegen, was ihr wirklich wichtig ist. Ihre Monatsrente von lediglich 545 Euro reicht nicht, um sich Miete, Nahrungsmittel und alle notwendigen Medikamente leisten zu können. So musste die fast taube alte Dame an der Lesebrille sparen, um sich ihre Lebensmittel kaufen zu können.

Esther ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Im Vergleich zu manchen anderen geht es ihr sogar noch relativ gut. Rund 250 000 Überlebende der Vernichtungslager der Nazis leben heute in Israel. „Doch etwa ein Drittel von ihnen, also 80 000 Menschen, müssen in Israel mit einer staatlichen Rente auskommen, die für ein menschwürdiges Dasein unzureichend ist", sagt Gal Rotem, Sprecherin der „Stiftung für das Wohlergehen der Shoa-Opfer", im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die vom Staat mitfinanzierte Stiftung kümmert sich die Nazi-Opfer. Rotem berichtet von Rentnern, die mit einer Hungerrente von knapp 200 Euro den Monat überstehen müssen. Seit der Staatsgründung Israels wurden die Einzelschicksale der Überlebenden in den Hintergrund gedrängt, obschon sie eigentlich eine starke Lobby besitzen müssten.

14 der 120 Abgeordneten des israelischen Parlaments, der Knesset, sind selber Holocaust-Überlebende. Viele andere haben große Teile ihrer Familie verloren. Doch ideologische Scheuklappen verhinderten, dass man sich der Opfer annahm.

Der Staat Israel sieht sich als die einzig richtige historische Schlussfolgerung des Genozids an den Juden. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Gedenktag für die Shoa-Opfer genau eine Woche vor den Unabhängigkeitstag festgelegt wurde: die Staatsgründung wird so auch symbolisch zur Antwort auf die Jahrtausende alte Verfolgung der Juden gesehen.

Doch die Einstellung zu den Opfern selber war bisher zwiespältig. Nicht selten wurde ihnen von den Israelis Passivität vorgeworfen, sie haben sich wie Lämmer zur Schlachtung führen lassen, anstatt sich zu wehren. Opfer zu sein war verpönt, Israel zog stets die Erinnerung an Schicksale von Helden vor. So schämten sich die Opfer aufzubegehren. Der Staat nutzte die Entschädigungen aus Deutschland für den eigenen Aufbau, das individuelle Wohlergehen der Opfer rückte in den Hintergrund.

Ein Dokumentarfilm des Privatfernsehens über den Zustand der Opfer hat nun die Israelis wachgerüttelt. „Noch nie habe ich mich so für meinen Staat geschämt", sagt Orly Vinai-Federbusch, Autorin des Wachrufes an die israelische Gesellschaft. „Wir dürfen so eine Realität nicht hinnehmen. Kein Holocaust-Opfer darf in Armut leben", erklärte Parlamentsvorsitzende Dalia Itzik nach dem öffentlichen Aufschrei.

Dabei muss vor allem viel Bürokratie überwunden werden. Um zu sparen, kürzt der Staat die Rente, wenn die Opfer Entschädigung aus Deutschland erhalten. Eigentlich sollten die Holocaust-Opfer per Gesetz Medikamente umsonst erhalten. „Aber die Liste der Berechtigten geht ständig in den Kanälen zwischen Finanz- und Gesundheitsministerium verloren", so Federbusch. Also müssen die Rentner ihre Medikamente selber finanzieren.

Stiftungen versuchen seit Jahren, mehr zu helfen. Aus staatlichen und Spendengeldern finanzierte die Stiftung Rotems 2006 aktive Hilfe für rund 40 000 Bedürftige. Einmal in drei Jahren können sie bis zu 540 Euro Finanzhilfe beantragen, Hausbesuche von Sozialhilfen erhalten oder ein Notrufsystem installiert bekommen. „Doch das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", sagt Rotem.

Denn obschon die Zahl der Opfer immer weiter zurückgeht, werden sie immer bedürftiger. Wie eine Studie der Haifa-Universität feststellte, haben Holocaust-Überlebende eine doppelt so hohe Krebsrate wie andere Israelis. Je jünger sie während des Traumas waren, desto größer die Gesundheitsschäden im späteren Leben. Immer mehr Menschen wenden sich auch an Amcha, einer Organisation, die den Opfern seelischen Beistand gibt. Im vergangenen Jahr waren es 6826, mehr als doppelt so viel wie noch vor 5 Jahren. „Sie werden immer älter und hilfloser. Dann erwachen die alten Erlebnisse wieder ", erklärt Dr. Nathan Durst, klinischer Leiter von Amcha.

Esther und tausende andere Holocaust-Überlebende, die in Israel Zuflucht suchten, hoffen, dass der Aufruhr in dem ereignisreichen Alltag des Krisengebiets nicht wieder in Vergessenheit gerät. Bis zum nächsten Gedenktag im Jahr 2008 wird für viele Menschen jede Hilfe bereits zu spät sein.

Gil Yaron, Braunschweiger Zeitung, 18. April 2007

zurück

zuletzt geändert 13.10.2007