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Am siebten Tage
Helfer in der
Not:
Rabbiner Halperin erfindet in Jerusalem schabbattaugliche Technik
Ist der
technische Fortschritt ein Segen oder ein Fluch? In der weltweiten
Technologiedebatte lassen sich alle Meinungen finden, von einem
utopischen Optimismus, der dem menschlichen Erfindungsgeist geradezu
messianische Attribute zuerkennt, und einem tiefen Pessimismus, der im
steigenden technischen Können der Menschheit eine
unkontrollierbare Gefahr sieht. Im Judentum werden Fragen moderner
Technologie in die Weltordnung einer Werte- und Gesetzesreligion
eingebunden. Grundsätzlich heißen jüdische
Schriftgelehrte den Fortschritt willkommen, wenn er die menschliche
Existenz zu verbessern vermag. Allerdings unterliegt der Einsatz
technologischer Mittel der Einschränkung, dass Technik dem
Menschen dienen muss, ohne dabei gegen Gottes Gesetze zu
verstoßen.
Innerhalb
dieses Spannungsfeldes haben Rabbiner und Ingenieure ein weites
Betätigungsfeld. Eine Anpassung moderner Technologie an die
Halacha, betont Rabbiner Levi Jitzchak Halperin, Gründer und
Direktor des Wissenschaftlich-Technologischen Halacha-Instituts in
Jerusalem, stelle kein Abweichen von den Mitzwot dar. „Wenn
Gottes Gesetz uns die Möglichkeit bietet, das Leben der
Menschen zu erleichtern, dürfen wir diese Möglichkeit
suchen und anwenden. Es ist keine Gesetzeslücke in einem
menschlichen Paragrafenwerk, sondern von Gott so gewollt. In der
Schöpfung gibt es keine Zufälle."
Ein
herausragendes Beispiel für die Suche nach dem Erlaubten ist
der Schabbat, der Tag, an dem Hunderte von Alltagstätigkeiten
verboten sind. Wohl wahr: Im Falle der Lebensrettung, auch der
lediglich potenziellen, darf, ja muss gegen die Schabbat-Ruhe
verstoßen werden. Allerdings macht das die Arbeit der
halachischen Erfinder nicht überflüssig. Zum einen
muss der Verstoß gegen die Halacha auch in einem solchen Fall
minimiert werden, falls das ohne eine zusätzliche
Gefährdung der ohnehin bedrohten Menschenleben geht. Zum
anderen kennt die Halacha auch den Begriff des
„großen Bedürfnisses", das betrifft etwa
das Aufwärmen von Essen in Krankenhäusern. In diesem
Fall dürfen die halachischen Regeln etwas flexibler als im
Normalfall angewandt werden, ohne sich indessen auf die weiter
gefassten Notfallbestimmungen zur Lebensrettung berufen zu
können. In bestimmten Fällen ist nicht von vornherein
klar, welche der beiden Situationen - Lebensgefahr oder
großes Bedürfnis - vorliegt. So etwa, wenn der
Krankenhauspatient nach der Schwester klingeln muss. Wie soll er das
machen, ohne den Schabbat zu entweihen?
Die von
Rabbiner Halperin entwickelte, heute weltweit eingesetzte Antwort ist:
der indirekte Stromschalter. Der zugrunde liegende halachische
Grundsatz besagt, dass die „Verhinderung des Verhinderers"
zulässig sei. So ist es erlaubt, das Fenster zu
schließen und so den Luftzug zu unterbrechen, auch wenn
dadurch die flackernden Schabbatkerzen wieder aufflammen. Die
Vorrichtung, nachdem aramäischen Wort für
„indirekte Verursachung" Grama-Schalter genannt,
verfügt über einen Stromkreis, der sich
ständig zu schließen versucht, daran aber durch
Lichtpulse gehindert wird. Drückt nun der Kranke auf den
Knopf, blockt er, auf rein mechanischem Wege, das
„verhindernde" Licht. Daraufhin schließt sich der
Stromkreis selbsttätig. Um sicherzustellen, dass die
Veranlassung indirekt ist, lässt nicht der der erste, sondern
der zweite durchkommende Puls im Schwesternzimmer die rote Leuchte
angehen.
Nach dem
Grama-Prinzip funktionieren viele Geräte, so etwa automatische
Türen oder das Schabbat-Telefon. Die halachische
Konformität dieses Vorgangs hat Rabbiner Halperin, der selbst
nie eine andere Schule außer Tora-Einrichtungen besucht hat,
aus der Quantentheorie abgeleitet. Im Auftrag des
Wissenschaftlich-Technologischen Halacha-Instituts arbeiten
führende Ingenieure an immer neuen Entwicklungen. Allerdings
sind auch andere Forschungs- und Entwicklungsstellen mit
schabbatkonformen Vorrichtungen befasst. Nicht zuletzt die Armee, in
der religiöse Soldaten ihren Wehrdienst und ihre Treue zur
Halacha unter einen Hut bringen müssen. In den letzten Jahren
haben die Landesverteidiger unter anderem eine Computermaus
für den Schabbatgebrauch entwickelt - aber auch eine
entsprechende Toilettenspülung.
Eine in
maschinenbaulicher Hinsicht besonders komplizierte Leistung war aber
die Entwicklung des Schabbataufzugs. Dass dieser am Heiligen Tag
automatisch auf jeder Etage hält, reicht in halachischer
Hinsicht nicht aus. Vielmehr mussten die Konstrukteure einer Reihe
weiterer Probleme Herr werden. Wie verhindert man etwa, dass die
Bremsenergie des Lifts in Strom verwandelt wird? Die Antwort: Sie muss
als Hitze verpuffen. Die Beispiele, bis hin zur Wahl der
Kabinenbeleuchtung, ließen sich mehren. Eine
erschöpfende Beschreibung des Schabbataufzugs kann gut und
gerne mehrere Hundert Druckseiten in Anspruch nehmen.
Ein weiteres
Schabbatverbot betrifft das Schreiben. Für diesen Zweck wurde
ein Schabbatstift entwickelt, dessen Schrift nach Ablauf einer
bestimmten Zeitspanne - in jedem Fall nach Schabbatausgang
-verschwindet. Damit verändert der Schreibende die zu
beschriftende Fläche nicht permanent: in halachischer Hinsicht
ein leichterer Verstoß. Am Samstagabend wird das
Originalblatt fotokopiert oder eingescannt. Allerdings sind die
Rabbiner keine Hightech-Freaks. Falls eine adäquate
Lösung auch ohne den problematischen Einsatz von Strom und
Elektronik gefunden werden kann, ist sie vorzuziehen. Etwa der mit
Druckluft betriebene Rollstuhl. Die auf 150 Atmosphären
komprimierte Luft betreibt einen Kolben, der die Räder bewegt.
Damit lässt sich der Hin- und Rückweg zur Synagoge am
Schabbat gut bewältigen. Jedenfalls dann, wenn man nicht allzu
weit vom Haus des Gebets wohnt.
Das und mehr:
Die für den Schabbat entwickelten Notbehelfe dürfen
nur bei echtem Bedarf und nur von den Betroffenen selbst benutzt
werden. Für alle anderen gelten die ganz normalen
Schabbatregeln. „Auch im Zeitalter der Technologie", betont
Rabbiner Halperin, „ist der Schabbat kein normaler Wochentag."
Wladimir
Struminski, Jüdische Allgemeine vom 6. September 2007
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zuletzt
geändert am 13.10.2007
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