Siehe dazu auch Lösung durch Zäune
Elf
Kilometer lang soll die Stahlmauer werden, die Gaza noch mehr isoliert
Bauherr ist die
ägyptische Regierung mit amerikanischer Hilfe – Ziel ist die Isolierung der
Hamas
Von Gil Yaron
Seit Jahren wird die radikal-islamische
Hamas im Gazastreifen belagert. Mehr als 500 Tunnel, durch die Schmuggler Waren
aus Ägypten in den belagerten Landstrich einführen, erhielten
das Regime bisher am Leben und sicherten seinem militärischen Arm den
Nachschub.
Doch
Kairo will dem jetzt ein Ende machen und errichtet eine riesige Stahlmauer. Das
Bollwerk ist eine Manifestation wachsender Spannungen zwischen pro-iranischen
Islamisten und pragmatischen arabischen Regimes in der Region.
Ein Ungetüm entsteht dieser Tage an der Grenze
zwischen dem Sinai und dem Gazastreifen. Rund elf Kilometer lang soll die neue Stahlmauer werden, die die
Regierung Ägyptens mit amerikanischer Hilfe
errichtet.
Die 50 Zentimeter dicken Spezialstahlplatten, die angeblich
weder geschweißt noch gesprengt werden können, sollen
bis ans Grundwasser 30 Meter tief in den Boden reichen. Ziel dieser
außergewöhnlichen Maßnahme ist, den Waffenschmuggel und den unkontrollierten
Kontakt mit den radikal-islamischen Machthabern im Gazastreifen zu kappen.
Für die Hamas und den Gazastreifen ist
der Bau dieser Mauer eine Hiobsbotschaft. Schätzungsweise 70 000 Bewohner des
Gazastreifens verdienen ihren Lebensunterhalt Dank der schätzungsweise 500 bis
1000 Tunnel, die sich acht bis 15 Meter unterhalb der Grenze durch den sandigen
Boden ziehen.
Die Tunnel sind so institutionalisiert, dass die Grenzstadt Rafah die Schmuggler für eine Gebühr mit
Strom und Wasser versorgt. Von Viagra über Lebensmittel und Treibstoff bis zum
Löwen für den Zoo von Gaza wird alles, mit dem man Geld verdienen kann, durch
die Tunnel geschleust.
Die Hamas und ihre radikal-islamischen Verbündeten
stellen sie deswegen
gern als eine humanitäre Rettungsleine dar: „Ich rufe den
Helden Mubarak dazu auf, die Bauarbeiten einzustellen", sagte der
Hamas-Premier Ismail Haniyeh vor wenigen Tagen. „Wir
bedrohen Ägypten nicht und wollen uns nicht in die inneren Gelegenheiten
unserer Nachbarn einmischen."
Aus Beirut wetterte Hassan Nasrallah, Führer
der pro-iranischen schiitischen Hisbollah-Miliz: „Das Ziel dieses Metallzaunes
ist es, die letzten schmalen Arterien, die Gaza Leben verleihen,
abzuschnüren."
Doch nicht nur Handelsware, auch Waffen und Terroristen
finden ihren Weg unterirdisch und gelangen so nach Gaza oder in die
Ausbildungslager der iranischen Revolutionswächter.
Die Hamas finanziert sich maßgeblich über die
Steuer, die sie für die Betreibung der Tunnel erhebt. Ohne die Tunnel wäre die
massive Aufrüstung der Hamas, die mit ihren Raketen bereits Tel Aviv beschießen
kann, weder finanziell noch logistisch denkbar.
Die Unterbindung des Schmuggels ist für
die Hamas deswegen nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein
strategischer Schlag. Der ehemalige libanesische Minister Wiam
Wahab verurteilte Mubarak wegen seiner vermeintlichen Kooperation mit der
israelischen Besatzung: „Husni Mubarak ist ein Verbrecher. Er ist völlig
verrückt geworden", sagte Wahab, stellvertretend für Tiraden, die
zunehmend im Gazastreifen vernehmbar sind.
Diese Abneigung wird inzwischen von den Ägyptern
erwidert. Erst vor wenigen Wochen soll ein führender Hamas-Aktivist in
ägyptischer Haft zu Tode gefoltert worden sein, werfen die Islamisten Kairo
vor.
Seitdem die Hamas vor rund zwei Jahren die Macht in einem
blutigen Putsch an sich riss, eskalieren die Spannungen zwischen Kairo und Gaza
fortwährend. Mit dem Bau der Mauer erreicht die Krise einen neuen
Höhepunkt. Ägypten errichtet die Mauer nicht, um Israel zu schützen. Vielmehr fühlt
sich Kairo zusehends von der Hamas bedroht. „Ägypten baut ausschließlich, um
sich und seine Souveränität zu verteidigen", sagte Außenminister Achmed Abul Gheit zum Bau der Mauer.
Eine gut abgestimmte Kampagne der staatlichen Medien erläutert
im Klartext, wovor sich die Ägypter fürchten. „Die Israelis wollen uns die
Verantwortung für den Gazastreifen zuschieben. Das können wir nicht
zulassen", zitierte die Regierungszeitung Al-Ahram
eine „hochrangige diplomatische Quelle".
Ein Grenzzwischenfall vor mehr als einem Jahr demonstrierte
den Ägyptern, was es bedeutet, die Kontrolle über ihre Südgrenze
zu verlieren. Damals ließ die Hamas die Grenze zum Sinai vor laufenden Kameras
von einer Menschenmenge durchbrechen. Tausende Bewohner Gazas strömten unkontrolliert ins Nachbarland, aus ägyptischer
Sicht ein Albtraum.
Doch damit nicht genug. Im April flog in Ägypten eine Terrorzelle
der libanesischen Hisbollah auf. Laut der Anklage hatte sie mehrere große
Attentate geplant, deren Absicht es war, das Regime zu destabilisieren. Ein
Angriff auf die Schifffahrt im Suezkanal und auf Touristen sollte die beiden
wichtigsten Einnahmequellen des Landes bedrohen.
Der Fluchtweg, den die libanesischen und palästinensischen
Terroristen vorbereitet hatten, war ein Tunnel in den Gazastreifen.
Spätestens seit einer Reihe von
Attentaten, in die auch Palästinenser aus Gaza verwickelt waren, und der
Aufdeckung der Hisbollah-Terrorzelle ist den Ägyptern die Gefahr bewusst, die
vom unmittelbaren Kontakt zu islamistischen Regime im Gazastreifen für sie
ausgeht.
Daheim kämpft Mubarak mit aller Härte gegen die
Muslimbruderschaft, Mutterorganisation der Hamas.
Mehr als 5000 ihrer Anhänger befinden sich in Haft, trotzdem errangen
Vertretern ihrer verbotenen Partei 88 Sitze im Parlament. Vor einer Woche
erfuhr ihre Bewegung in internen
Wahlen einen weiteren Rechtsruck. Vertreter des militanten salafistischen
Flügels wurden auf die wichtigsten Posten gewählt.
„Wir wollen den
humanistischen Organisationen gern helfen, Gaza unter die Arme zu greifen. Aber
wir können nicht ignorieren, dass die Muslimbrüder
und die Hamas versuchen, an der Grenze zu Gaza Unruhe zu stiften, um im Inland
für Aufruhr zu sorgen", sagte eine hochrangige Quelle aus dem ägyptischen
Sicherheitsapparat der staatlichen Zeitung AI Ahram.
Zu den innenpolitischen Spannungen gesellen sich Fragen außenpolitischen
Prestiges. In den vergangenen Wochen hat die Hamas Kairo gleich mehrfach
brüskiert. Sie hat die ägyptischen Vermittlungsbemühungen in den
Versöhnungsgesprächen zurückgewiesen und Kairos Unterhändler in den indirekten
Gesprächen mit Israel düpiert.
Mubarak wurde damit kompromittiert. Kein Wunder, dass manche
Mitglieder der Hamas den Bau der Mauer als Bestrafung für
das beleidigende Verhalten ihrer Führung deuten. Vorbei sind die halbherzigen
Versuche, den Schmuggel zu unterbinden.
Ägyptische Truppen,
von Ingenieuren der US-Armee unterstützt, fluteten bisher die Tunnel, die sie fanden. Palästinensische Schmuggler berichten sogar von einem tödlichen
Gas, das in anderen Fällen zum Einsatz gekommen sein soll. Unterirdische Sprengungen brachten weitere Tunnel zum
Einsturz. Dabei sollen in den vergangenen Monaten etwa 120 Palästinenser
und zahlreiche ägyptische Soldaten getötet worden sein.
Klar ist, dass Kairo jetzt durchgreifen will. Die im Bau
befindliche Metallmauer wird von der Hamas als Kriegserklärung
empfunden. Sie hat begonnen, im Gazastreifen Massendemonstrationen gegen die
neue Mauer zu organisieren. Immer wieder kommt es an der Grenze zu
Schusswechseln, denen auf ägyptischer Seite Bauarbeiter und Soldaten zum Opfer
gefallen sein sollen.
Braunschweiger Zeitung vom 2. Januar 2010