Der Schmuggler-Tunnel
von Rafah
Gil
Yaron, Rafah
Genau wie die anderen grauen Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft
ist es nur eine trostlose, pockennarbige Ruine an der ägyptischen Grenze. Aber
der 30-jährige Abu Abdallah und sein 35-jähriger
Geschäftspartner Abu Kamal verdienen zwischen den von
unzähligen Schusswechseln durchlöcherten Wänden ihren Lebensunterhalt.
Ihre wirklichen Namen wollen die beiden Familienväter aus Gaza
nicht verraten. Sie gehen dem profitabelsten Wirtschaftszweig im
palästinensischen Rafah nach: Sie sind Schmuggler.
Sie haben sich in einem der verlassenen Zimmer einquartiert und angefangen zu
graben - bis sie Ägypten erreichten.
Mit dem rund 1000 Meter langen Tunnel verdienen sich die
Jungunternehmer und ihre 12 Mitarbeiter eine goldene Nase. Sie schmuggeln auf
Bestellung in den Gazastreifen, was das Menschenherz begehrt: „Einmal brachten
wir sogar einen Löwen her", sagt Abu Kamal
stolz.
Das Geschäft ist nicht neu. Es begann schon 1982, als Israel sich
im Rahmen eines Friedensvertrags mit Ägypten aus der Sinaihalbinsel zurückzog
und die Stadt Rafah in einen ägyptischen und einen
palästinensischen Teil trennte.
Nach Beginn der Intifadas, der
palästinensischen Volksaufstände gegen die israelische Besatzung, betrieben vor
allem Widerstandsgruppen und Verbrecherringe die Tunnel.
Israel bezeichnet sie als Terroristen, die Waffen und Drogen nach
Gaza schmuggeln. Auch heute noch, so behauptet der israelische Geheimdienst,
schmuggeln die Islamisten der Hamas Munition und
Waffen in den Landstrich.
Seitdem die Hamas den Gazastreifen vor einem Jahr eroberte und
Israel und Ägypten den Landstrich mit einer Blockade belegten, hat sich das
Profil der Tunnelgräber allerdings verändert.
„Die Menschen hier in Gaza brauchen viele verschiedene Dinge: es
gibt keinen Treibstoff mehr, Medikamente oder billige Lebensmittel. Wir
versorgen sie damit", sagt Abu Abdallah, der
sich selbst als „Händler" beschreibt und seinen echten Namen aus Angst
nicht preisgibt.
Waffen oder Drogen will Abu Kamal nie
durch seinen Tunnel gebracht haben: „Das hat die Hamas ausdrücklich
verboten", sagt er. Neben dem „Verbot" der Islamisten,
die ihre Kämpfer mittels eigener Tunnel ausrüstet, ist auch der wirtschaftliche
Anreiz des Waffenschmuggels verschwunden.
Gaza ist mit Gewehren überflutet. Eine Kalaschnikow ist hier
inzwischen genau so billig wie im Sinai. Mit 500 Dollar pro Gewehrlauf kann man daran nichts
verdienen. Gebrauchsgüter zu schmuggeln wird aber ausdrücklich geduldet. Es
mindert nicht bloß den wirtschaftlichen Druck, den Israel auf die Hamas ausüben
will, sondern ist auch ein profitabler Wirtschaftszweig für die Islamisten. Sie sollen laut manchen Berichten 10 Prozent
des Umsatzes von den Betreibern als „Tunnelsteuer" einkassieren.
Das Geschäft blüht, inzwischen soll es in Rafah
mehr als 300 Tunnel geben: „30 Familien leben von meinem Tunnel", sagt Abu
Kamal, der früher in Israel als Automechaniker
gearbeitet hat. „Wir haben nur einen. Aber andere haben fünf oder mehr",
sagt Abu Abdallah.
Dabei wünscht Abu Kamal sich einfach nur
Ruhe:„Ich bin Schmuggler, weil die Grenzen dicht sind und ich meine fünf Kinder
nicht anders ernähren kann."
Ob er nach Israel gehen würde, um zu arbeiten? „Ist mir völlig
gleichgültig, ob ich mit Israelis oder Indern arbeite. Hauptsache, man lässt uns
in Frieden", sagt Abu Kamal. Die Arbeit elf
Meter unter der Erde ist beschwerlich. Ein Gestank von verrottetem Müll droht
bei mehr als 30 Grad Lufttemperatur die Männer zu ersticken. Trotzdem
verbringen sie hier manchmal Tage, um die Waren in blauen Plastikbehältern
durch den Tunnel zu ziehen.
Hinzu
gesellt sich die Gefahr entdeckt zu werden: „Die Ägypter machen immer größere
Anstrengungen, um die Tunnel aufzuspüren. Dann schleusen sie irgendein
tödliches Gas hinein, überschwemmen oder sprengen sie", sagt Abu Kamal, der selber nicht in den Tunnel steigt, sondern dies
seinen Angestellten überlässt.
„Sie haben ihre Spitzel überall", sagt er. Deswegen sind die
Schmuggler vorsichtig geworden. Früher demonstrierten sie stolz ihr Geschäft,
heute werden die Tunnel nur noch wenigen Journalisten gezeigt. Wie in
Mafiafilmen werden die Berichterstatter in Gaza-Stadt abgeholt, und auf dem
Hintersitz in wilden nächtlichen Irrfahrten nach Rafah
gebracht. Doch seinen Arbeitern vertraut er: „Armut ist der beste Garant für
ihre Treue. Wenn sie uns verraten, finden sie keinen Job mehr."
Die in Handarbeit in den Sand gegrabenen Tunnel werden oft zu
Todesfallen. Immer wieder brechen Schmuggelstollen ein und begraben die
Arbeiter unter sich. Mindestens 82 Menschen sollen in den vergangenen zwei
Jahren so umgekommen sein. „Wir haben alle Angst, aber wir brauchen das
Geld", sagt Abu Abdallah.
Auf der anderen Seite der Grenze, im ägyptischen Rafah, arbeiten Abu Kamal und Abu
Abdallah mit Bekannten zusammen. „Wir wissen ganz
genau, wo wir mit unserem Tunnel wieder herauskommen. Entweder in einem
Hinterhof, oder direkt in dem Haus eines Mitarbeiters."
Wenn ein neuer Tunnel fertig gestellt ist, nutzt Abu Abdallah die Gelegenheit, um in Ägypten einen Kaffee zu
trinken oder zu entspannen. Dabei fürchtet er sich nicht davor, von ägyptischen
Grenzbeamten entdeckt und verhaftet zu werden: „Dann würde ich sie einfach
erschießen", sagt er und lacht.
Zumeist weiß Abu Kamal gar nicht, was
sich in den weißen Leinensäcken befindet, die er für 350 Dollar das Stück unter
der Erde in den Gazastreifen bringt.
Manchmal schmuggelt er für 3.000 Dollar eine Person in oder aus
dem Landstrich: „Vor einer Woche brachten wir eine Braut aus dem Sinai her,
weil die Ägypter sie nicht in Gazastreifen lassen wollten", sagt er. Seit
fünf Jahren arbeitet Abu Abdallah im Tunnelgeschäft,
und hat seither sogar ein wenig angewandte Biologie gelernt. Am meisten gefragt
und am einträglichsten ist nämlich der Schmuggel von Potenzpillen: „Viagra kostet im Sinai umgerechnet 1,50 Euro, hier in Gaza
sechs Euro."
Vorher wusste er gar nicht, was Viagra
ist: „Heute sorgen wir dafür, dass die Belagerung für alle ein wenig
erträglicher wird", sagt der junge Schmuggler, und lacht, bevor er mit
prallen Hosentaschen durch die Nacht wieder nach Hause huscht.
Braunschweiger Zeitung am 14. August 2008