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Israel im Überblick

 

Nächster Halt Tel Aviv

Immer mehr deutsche Investoren erkennen das Potential des israelischen Marktes

Von Ralf Balke

Aufbruchstimmung herrschte im Juni 2006, als Bundeswirtschaftsminister Michael Glos mit einer knapp fünfzigköpfigen Delegation nach Israel reiste. Der Besuch sollte den Wirtschaftsbeziehungen neuen Schwung verleihen und deutsche Unternehmer dazu ermuntern, sich den Standort Israel einmal genauer anzuschauen. Denn wenn es um das Anzapfen des technologischen Potenzials geht, welches das kleine Land zu bieten hat, steht Deutschland immer noch in der zweiten Reihe. Dabei war 2006 für Israel das Jahr der Rekorde in Sachen Auslandsinvestitionen: Rund 11,3 Milliarden Dollar gaben ausländische Unternehmen bei ihrer Einkaufstour in Israel in den ersten sechs Monaten aus. Allein im Sommer legte der US-Gigant Hewlett-Packard 4,5 Milliarden Dollar für die Softwarefirma Mercury Interactive auf den Tisch. Und der Speicherkartenhersteller ScanDisk übernahm für 1,37 Milliarden Dollar den israelischen Flash-Speicher-Produzenten Msystems. Den Vogel aber schoss im Sommer 2006 der amerikanische Investor Warren E. Buffett ab, der für 4,5 Milliarden Dollar den israelischen Metallwerkzeughersteller Iscar erwarb.

Vor diesen Zahlen nehmen sich die deutschen Investitionen relativ bescheiden aus - und das, obwohl Deutschland Israels wichtigster Handelspartner nach den USA ist. Immerhin stammten in den ersten neun Monaten des Jahres 2006 Waren im Wert von 2,38 Milliarden Dollar aus Deutschland, ein Plus von 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bis dato größte Engagement stammt von Volkswagen und wurde in den späten neunziger Jahren unter Dach und Fach gebracht. 250 Millionen steckten die Wolfsburger in ein Joint Venture mit den Dead Sea Works. Daraus entstand die Firma Dead Sea Magnesium, die sich mit der Entwicklung neuer industrieller Anwendungsmöglichkeiten für den Werkstoff Magnesium befasst.

Dabei hat sich auch bei vielen deutschen Managern mittlerweile herumgesprochen, dass Israel ein Top-Standort für Informations- und Kommunikationstechnologie ist. Wie das israelische Amt für Statistik ermittelte, entfallen mehr als zwölf Prozent der gewerblichen Wirtschaftsleistung auf diesen Bereich, der zudem mit Wachstumsraten von zehn Prozent nach einer Durststrecke von mehreren Jahren nun wieder eine ganz besondere Dynamik aufweist. „Gerade in Sachen Software-Entwicklung haben israelische Entwickler ganz besondere Stärken", betonte Ex-Siemens-Chef Heinich von Pierer mehr als einmal in Gesprächen. Genau deshalb zeigt der Münchner Elektromulti bereits seit über zehn Jahren durch seine Tochter Siemens Venture Capital (SVC) Flagge im Heiligen Land. Rund zwanzig Prozent der von SVC getätigten Investitionen in Höhe von über 800 Millionen Dollar jährlich entfallen auf Israel, zuletzt auf BroadLight, einen Spezialisten für Glasfasertechnik.

Insgesamt hat Siemens zwischen 1995 und 2006 eine halbe Milliarde Dollar in vielversprechende Startups gesteckt. Und vor knapp sieben Jahren wurde Siemens Israel Ltd. gegründet, eine Regionalgesellschaft, die sehr erfolgreich Produkte aus dem Hause Siemens in Israel verkauft und mittlerweile rund fünfhundert Mitarbeiter beschäftigt. Ein Engagement, das sich offensichtlich auszahlt: Im Sommer 2006 erhielt Siemens den Zuschlag für die Lieferung von 86 Eisenbahnwaggons. Und beim Bau der  geplanten Tel  Aviver Stadtbahnstrecke sitzt man ebenfalls mit im Boot (vgl. Jüdische Allgemeine vom 18. Januar 2007).

Klotzen, nicht kleckern, scheint denn auch die Devise von SAP zu sein. Für mehr als 500 Millionen Dollar hat der Softwareriese in den vergangenen Jahren in Israel investiert und in Ra'anana, einer Vorstadt im Speckgürtel von Tel Aviv, einen repräsentativen Firmensitz errichtet. „Unsere Phase der Akquirierungen in Israel ist noch lange nicht vorüber", erklärte SAP-Chef Henning Kagermann anlässlich der Einweihung der Räumlichkeiten. Über eine zweite Niederlassung werde bereits nachgedacht. Der arabische Boykott, über Jahrzehnte eines der Hauptargumente deutscher Unternehmen, beim Israel-Geschäft Zurückhaltung zu üben, ist für ihn kein Thema. Das Unternehmen wächst zwischen Mittelmeer und Jordan  kräftig weiter und hat bald eintausend Mitarbeiter.

Auch die Deutsche Telekom ist in Israel auf vielen Ebenen aktiv. Bereits 1997 stieg der Telefonriese bei VocalTec Communications Ltd. ein und kaufte damals für rund 87 Millionen DM Anteile des israelischen Pioniers für das Telefonieren über das Internet. Und im Februar 2006 intensivierte er die bereits seit einigen Jahren bestehenden Verbindungen mit der Universität von Beer Shewa und eröffnete die „Deutsche Telekom Laboratories at the Ben Gurion University". Der damalige Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke äußerte sich anlässlich der Eröffnung begeistert über die stark anwendungsorientierte Ausrichtung der israelischen Forschung und Entwicklung, die zudem vielversprechende Perspektiven für eine schnelle Umsetzung in wirtschaftlich nutzbare Produkte schaffe. „Die Deutsche Telekom und die Ben-Gurion-Universität diskutieren deshalb auch über die Bereitstellung von Venture Capital und über ein Modell für das Zusammenwirken von Wissenschaft und Industrie in Beer Shewa." Mehrere Forschungsprojekte gibt es. Eines hat zum Ziel, unterschiedliche und auf verschiedene Netze verteilte Softwarekomponenten schnell und effizient zu arrangieren und an die Geschäftsprozesse anzupassen. Ein weiteres dreht sich um das einfach jeden Telekomkunden brennend interessierende Thema „Intuitive Usability", zu deutsch: die Vereinfachung von komplexen Telekommunikationsdiensten. Für die Finanzierung des Instituts wendet die Deutsche Telekom bis zum Jahr 2008 12,1 Millionen Dollar auf.

Was die wenigsten deutschen Unternehmen zu wissen scheinen: Der israelische Staat stellt ihnen Fördermittel zur Verfügung, wenn sie im Lande industrielle Forschungs- und Entwicklungszentren eröffnen und dafür eine israelische Tochterfirma gründen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Ergebnisse dieser Zentren außerhalb Israels verwertet werden. Gerade mittelständische Unternehmen, die bei Investitionen in Israel noch deutlich unterrepräsentiert sind, könnten so den Brainpool des Landes anzapfen - schließlich belegt der jüdische Staat mit dreizehn Ingenieuren auf tausend Einwohner weltweit den Spitzenplatz, ebenso mit einem Anteil von knapp fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschungsausgaben. Zudem ist für israelische Unternehmen eine Kooperation mit ausländischen Partnern oft eine Existenzfrage, schließlich ist der einheimische Markt aufgrund seiner geringen Größe für den Verkauf ihrer Produkte einfach viel zu klein.

„Es fehlt der innovative deutsche Mittelstand, für den sich großartige Kooperationen anbieten", betont Horst Teltschik. Der ehemalige Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl ist Präsident der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung und wird nicht müde, die Abstinenz mittelständischer Unternehmen in Israel zu beklagen. Dabei scheint man mittlerweile auch hier aufgewacht zu sein. Vor wenigen Monaten sorgte ein Deal für Schlagzeilen, als der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg für 25 Millionen Euro ein Viertel der Anteile am prestigeträchtigen Medienunternehmen Haaretz übernahm - das erste Auslandsengagement der Herausgeber des Express und des Kölner Stadt-Anzeigers überhaupt.

Für Zurückhaltung gibt es eigentlich keine Gründe, selbst die oftmals zitierte prekäre Sicherheitslage hat als Argument nur noch wenig Geltung. Sogar der Libanonkrieg im vergangenen Jahr konnte der Stabilität kaum etwas anhaben - und das, obwohl das Wirtschaftsleben im Norden des Landes massiv beeinträchtigt wurde. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs um satte vier Prozent, und selbst die ansonsten nervöse Tel Aviver Börse nahm den Waffengang mit Gelassenheit hin. Kein Wunder also, dass die Analysten der sonst so kritischen Deutschen Bank Investitionen in Israel noch vor wenigen Wochen ausdrücklich empfohlen hatten.

 

Aus Jüdische Allgemeine, 01.03.2007

 

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zuletzt geändert am 27.05.2008