Auf der Flucht
Sind Zäune eine Lösung?
Von Sylke Tempel
Auch
das noch: Israel riegelt nicht nur den Gasastreifen ab und baut eine Mauer um
das Westjordanland - jetzt will es zudem noch an der ägyptischen Grenze für geschätzte
270 Millionen Dollar eine Sperranlage errichten. Es gelte, sagt Premier
Netanjahu, sich illegaler Arbeitssuchender und Flüchtlinge zu erwehren, um den
»jüdischen und demokratischen Charakter Israels zu wahren«.
Die Europäer können sich ihre allzeit bereite Empörung sparen.
Schließlich schickt die EU Flüchtlinge wieder übers Meer zurück, steckt sie in
Lager und schiebt jährlich Tausende Asylsuchende ohne Prüfung sogar in
Folterländer ab. In Israel hingegen beuten zahlreiche Arbeitgeber die Illegalen
zwar schamlos aus, bislang aber wurden sie immerhin aufgenommen.
Will
Israel jetzt ebenso zynisch werden wie Europa, das seine Wohlstandsoase vor
allem aus Angst abschottet, sein Sozialstaatsparadies mit Habenichtsen
teilen zu müssen? Nicht ganz. In Israel geht es um ein viel weiter reichendes
Problem: den nie aufgelösten Gegensatz zwischen »jüdischem Staat« und
»israelischem Bürger«. Netanjahu liegt daher völlig falsch, wenn er meint, es
stehe auch der demokratische Charakter Israels auf dem Spiel. Warum sollte der
gefährdet sein, wenn Flüchtlinge eingebürgert werden, deren Kinder israelische
Schulen besuchen, Armeedienst leisten und sich als loyale Bürger des Staates
verstehen?
Der
jüdische Charakter Israels aber würde durch diesen Zustrom gefährdet. Bereits
jetzt sind 25 Prozent der Bevölkerung Christen und vor allem Muslime. Die
Einbürgerung von »Gastarbeitern« würde die religiös-demografische Balance
zusätzlich verschieben. Solange eine satte Mehrheit in Israel jüdisch ist,
tritt der Widerspruch zwischen israelisch und jüdisch nicht allzu deutlich
zutage. Mit einer wachsenden nichtjüdischen Minderheit wird er jedoch zu einem
immer größeren Problem. Ein Grenzzaun ändert daran nichts.
Die Autorin ist Chefredakteurin der Zeitschrift
»Internationale Politik«.
Jüdische
Allgemeine Zeitung vom 14.Januar 2010