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Das Pauker-Prekariat
Seit Wochen streiken die Lehrer
für mehr Lohn
Eltern
und Schüler haben dafür Verständnis
Von Sabine Brandes
Adi steht vor dem Schultor in
Kirjat Ti-von, den gepackten Ranzen auf dem Rücken. Es ist zehn vor acht,
doch heute hat noch niemand die dicke Kette aufgeschlossen und mit einem
fröhlichen „Boker Tow" zum Hereinkommen aufgefordert. Außer
Adi ist weit und breit niemand zu sehen. Verwundert schaut die
Erstklässlerin zu ihrer Mutter. Die liest: „Geschlossen
-Streik". Auf einem provisorischen Pappschild ist es an das Tor
gepinnt. Zwei knappe Worte für ein großes Problem. Das Schulsystem in
Israel krankt. Hauptverantwortlich ist vor allem die chronische
Unterbezahlung der Lehrer.
Offensichtlich hat Adis Mutter
gestern weder Radio gehört noch Fernsehen geschaut. Die elektronischen
Medien kündigen jeden Streik im Voraus an. „Stimmt", sagt
Miriam Farchi, „ich hätte es wissen müssen". Für weitere
Erklärungen hat die Alleinerziehende keine Zeit. Denn ihr Büro streikt
nicht, und sie muss jetzt blitzschnell eine Unterbringung für ihre
Tochter finden. Nach drei Telefonaten im Laufschritt Richtung Auto hat
sie eine aufgetan. „Dieses dauernde Streiken ist Stress für die
Eltern", meint Farchi, „aber ich kann die Lehrer verstehen.
Von den paar müden Schekeln kann kein Mensch leben."
„Definitiv nicht",
weiß Juval Adari aus eigener Erfahrung. Der 39-jährige ist Englischlehrer
an der Ort-Oberschule in Afula. Er hat einen Doktortitel in Geschichte
und sechs Jahre Unterrichtserfahrung. Für seine Tätigkeit als
Oberschullehrer bekommt Adari monatlich 4.700 Schekel. Das sind rund 840
Euro. Er arbeitet Vollzeit. Seine Kolleginnen und Kollegen, die zum Teil
15 Jahre und länger vor Klassen stehen, verdienen im Schnitt um die 4.900
Schekel netto - weniger als 900 Euro.
Die Gewerkschaften haben kürzlich
einen Bericht über Gehaltszahlungen in vergleichbaren
Beschäftigungsbereichen veröffentlicht. So verdient ein Arzt 3.340, ein
Ingenieur 2.336 und ein Sozialarbeiter 1.830 Euro, das Gehalt eines
Lehrers vor Steuern beträgt im Durchschnitt 1.280 Euro (alles brutto).
Statt zu steigen, seien die Bezüge in den letzten elf Jahren unter
anderem durch die Inflationsrate um 18,4 Prozent geschrumpft, geben die
Gewerkschaften an.
Diese Zahlen stehen im
Mittelpunkt der laufenden Verhandlungen zwischen dem Finanzministerium
und den beiden Lehrergewerkschaften des Landes. Zwar sind sich die
Parteien einig, dass die Gehälter aufgestockt werden müssen, die Höhe
jedoch ist Stoff für hitzige Debatten. So wollen die
Arbeitnehmervertreter Mehrzahlungen von 50 Prozent erreichen, das
Ministerium hat lediglich zähneknirschend 20 bis 25 Prozent zugestanden.
Vergangene Woche blieben die Mittel- und Oberschulen
an drei Tagen geschlossen, in der Woche davor waren es die Grundschulen.
„Wir haben die Nase voll", sagt Grundschullehrerin Hadar Aviv.
„Ich unterrichte mit Leib und Seele, liebe die Schule und die
Kinder. Aber manchmal kann ich vor Frust kaum schlafen." Aviv sagt,
dass sie ihren Beruf nur deshalb ausüben kann, weil ihr Mann als
Computerprogrammierer genug Geld nach Hause bringt. „Im Grunde
genommen kann ich meine Arbeit nur noch als Hobby ansehen, für das ich
ein' bisschen Taschengeld bekomme."
Adari hat neben seiner regulären
Tätigkeit drei weitere Jobs. Einmal pro Woche hält er
Geschichtsvorlesungen vor Senioren, zweimal wöchentlich arbeitet er
nachittags für eine Stiftung mit unterprivilegierten Kindern, und jeden
zweiten Abend gibt er Privatstunden, nicht selten bis elf Uhr. Zeit fürs
Privatleben bleibt kaum. „Ich haste von einem Unterricht zum
nächsten, kann mich selten richtig vorbereiten. Dazu kommt das Korrigieren
der Arbeiten. Das mache ich meist nachts oder am Wochenende." Die
Enttäuschung über die mangelnde Bezahlung schlage extrem auf Motivation
und Gemüt.
Der Englischlehrer kennt sich
aus: „Die Situation an Israels Schulen ist ohnehin nicht gut, es
gibt viel Gewalt und Frustration. Es bräuchte eigentlich den ganzen
Einsatz der Lehrkräfte, um die Lage unter Kontrolle zu halten und dabei
noch Wissen zu vermitteln." Viele seiner Kolleginnen und Kollegen
aber hätten aufgehört, sich zu bemühen oder seien einfach wegen der
Doppelbelastungen zu müde, um
noch „alles zu geben".
„Es ist ein
Teufelskreis", zeichnet er ein düsteres Bild. „Wenn die
Gehälter nicht ganz schnell stark aufgestockt werden, haben wir bald
katastrophale Zustände den Schulen." Es sei nicht etwa so, dass die
meisten guten Lehrer weglaufen. Bei diesen lächerlichen Gehältern würden
erst gar keine erstklassigen Lehrkräfte bildet. „Die Regierung
scheint einfach nicht zu begreifen, dass mehr Geld gute Leute anlockt und
damit das ganze Bildungssystem verbessert werden kann."
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zuletzt bearbeitet am 14.10.2007
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