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Israel im Überblick
Legenden und Wirklichkeit
Der Sechstagekrieg im Juni 1967 hat Geschichte
gemacht.
Aber halten die vielen Legenden heute den Tatsachen stand?
von Michael Wolffsohn
1967, sechs
Tage im Juni und der Krieg. Das sind viele Legenden, die mit Tatsachen
wenig oder gar nichts zu tun haben.
Eine Legende
lautet „Land für Frieden". Tatsache ist: Die 1967 eroberte
Sinai-Halbinsel hat Israel von 1975 bis 1982 vollständig an Ägypten
zurückgegeben. Es bekam 1978/79 einen Friedensvertrag. Anwar al Sadat und
Hosni Mubarak haben ihn bis heute erfüllt. Die Bevölkerung Ägyptens
sympathisiert aber stark mit den Muslimbrüdern. Sie bekämpfen Juden,
Israel, „Ungläubige" und Ägyptens Friedenspolitiker. Auch den
Gasastreifen hat Israel 1967 erobert und 2005 wieder aufgegeben. Was
bekam Israel dafür? Kassamraketen. Gleiches gilt für die libanesische Front.
Im Jahre 2000 räumte Israel den Süd-Libanon, den es 1978 - 1982 besetzt
hatte. Vom Norden prasseln seitdem Katjuscharaketen auf Israel.
Tatsache ist
auch: Das Oslo-Abkommen von 1993 gab den Palästinensern große Teile des
Westjordanlandes und den Gasastreifen als Autonomiegebiete. Das war als
Vorstufe zur Staatlichkeit für die Palästinenser gedacht. Es begann die
Legende vom „Friedensprozess". Die Wahrheit ist eine andere:
mehr Terror gegen Israel.
Noch eine
Legende: Der Besuch des damaligen Oppositionsführers Ariel Scharon auf
dem Tempelberg am 29. September 2000 habe die Zweite Intifada ausgelöst.
In Camp David (Sommer 2000) war Israels Premier Ehud Barak bereit, rund
95 Prozent des 1967 eroberten Westjordanlandes zu räumen. Am 29.
September 2000, der Oppositionschef war auf dem Tempelberg, verkündete
Barak, Israel sei außerdem zu einer faktischen Teilung Jerusalems bereit.
Die Antwort kam am selben Tag: Die Zweite Intifada begann.
Und dann lernte
Israel nach 1967 eine weitere Legende: mehr Land = mehr Sicherheit. Doch
mehr besetztes Land bedeutet mehr feindlich gesonnene Menschen, die
irgendwann durch Guerilla und Terror die Fremdherrschaft abschütteln
wollen. Denn auch das ist eine Legende: dass es „freundliche
Besatzer" gibt. Feind stößt auf Feind, keine Freundlichkeit weit und
breit, dafür aber Gewalt und Gegengewalt. Daraus lernte Israel und zog
sich - zu spät, zu wenig - zurück. Das hat Folgen. Die heute etwa 250.000
jüdischen Siedler im Westjordanland sind kein territoriales, sondern ein
politisches Problem. Im israelischen Kernland (ohne besetzte Gebiete)
leben 1,2 Millionen israelische Palästinenser. Warum sollten, wenn man
wollte, nicht 250.000 Juden in „Palästina" leben? Das
politische Wollen ist das Problem, nicht das Land.
Zu den Legenden gehört, die Besatzung
habe Israels Militär und Gesellschaft brutalisiert. Tatsache ist, dass
das Land seit 1967 fast ständig mit Krieg, Guerilla, Terror konfrontiert
war: 1968 bis 1970 der Abnutzungskrieg am Suezkanal, auf dem Golan und im
Jordantal, 1973 Jom-Kippur-Krieg, bis Mai 1974 auf dem Golan; zwischen
1970 und 1982 PLO-Kleinkrieg und Terror, 1982 Erster Libanonkrieg, dann
1987 bis 1993 die Erste Intifada, zwischen 1994 und 1999 Palästinenser
und Hisbollah-Terror; danach, 2000 bis 2004, Zweite Intifada und 2006 der
Zweite Libanonkrieg. Dennoch hat man in Israel nicht viel über eine
Verrohung der Soldaten gehört. Auch mit fremden Totenschädeln wurden
keine „Spielchen" veranstaltet.
Und Israels jüdische
Gesellschaft? Sie hat sich lange vorher und viel später verändert - bis
Mitte der sechziger Jahre durch die orientalisch-jüdische Einwanderung
(die 1977 zum Machtwechsel zugunsten des Likud führte). Der zweite
Großwandel war die russisch-jüdische Einwanderung seit Mitte der
siebziger und vor allem seit Anfang der neunziger Jahre. Rund eine
Million Neubürger kamen ins Land. Radikal verändert hat sich seit 1967
die arabische Bevölkerung Israels - sie ist palästinensischer geworden.
Noch ein
Märchen: Ohne die USA hätte Israel den Sechstagekrieg nicht gewonnen.
Aber Washington war gegen Israels Vorgehen und ist erst seit dem
Jom-Kippur-Krieg 1973 unter dem von Antisemitismen nicht freien
Republikaner Richard Nixon (und seinem jüdischen Außenminister Henry
Kissinger) Israels Großfreund geworden - aus nationalem Interesse und nicht
der jüdischen Wähler wegen.
Europas
Sozialisten und Sozialdemokraten haben 1967 und danach zu Israel
gestanden - auch das eine Legende. Denn zunächst zaghaft der „Neuen
Linken" folgend — und seit den achtziger Jahren der Mehrheit
der Westeuropäer -, haben sich gerade Sozialdemokraten, Sozialisten,
Grüne (Joschka Fischer seit der Wahl 1994 ausgenommen) und Europas
Gaullisten von Israel distanziert. In den vergangenen 40 Jahren konnten
Israel und „die Juden" ihre wahren Freunde kennenlernen. Es
waren und sind nicht viele.
Jüdische Allgemeine vom 7. Juni
2007
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