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Israel
im Überblick
Das Kapital
– Kibbuzleben heute
Degania,
„Mutter aller Kibbuzim“, wagt den Bruch mit der
sozialistischen Tradition.
Das Ende einer Idee oder deren Rettung?
von
Björn Rosen
Dass hier vor
zwei Monaten eine Art Revolution stattgefunden hat, ist auf den ersten
Blick schwer zu glauben. In den gepflegten Gärten
blühen im Mai die Blumen lila, rot und gelb. Aus der Ferne
hört man leise einen Traktor. Vor dem Eingang der Siedlung,
unter dem Schatten von Palmen und gegenüber den
großen Bananenfeldern, sitzen Kinder im Gras und essen ihre
Brote mit Humus und Salami.
Degania Alef
ist noch immer ein beschaulicher Ort. Aber eine sozialistische Idylle
ist es nicht mehr. Im Februar änderte die Siedlung am
südwestlichen Ufer des Sees Genezareth, die 1910 als erster
Kibbuz überhaupt gegründet wurde, radikal ihr
Regelwerk. Rund 85 Prozent der 276 Mitglieder stimmten dafür.
Die neuen Grundsätze, festgehalten in einem dünnen,
blauen Schnellhefter, sind das Ende eines fast hundertjährigen
zionistischen Traums. Dort, wo einst alle gleich sein sollten, gibt es
jetzt reiche und weniger reiche Menschen. Die Revolution hat Degania in
den Kapitalismus geführt - und ein starkes Zeichen ausgesandt:
Wenn sich selbst die „Mutter aller Kibbuzim" vom Sozialismus
verabschiedet, steht wohl die ganze Bewegung vor ihrem Ende. Oder sind
die neuen Regeln ihre letzte Hoffung?
Wer den Wandel
in Degania begreifen will, geht am besten zu Frieda Rogel, die die
vergangenen 56 Jahre hier verbracht hat. Die alte Dame, in Wien
geboren, trägt eine ovale Brille mit Goldrand. Sie sitzt auf
einem weißen Plastikstuhl vor ihrer Wohnung in einem
langgezogenen, einstöckigen Mehrfamilienhaus, das wie ein zu
groß geratener Bungalow aussieht. Auf dem Tisch vor ihr steht
ein Glas Zitronenlimonade. Es ist ein 30 Grad heißer Sonntag
im Mai. Frieda Rogel mag die Hitze nicht. „Im Sommer gehen
die Temperaturen hier unerträglich nach oben", sagt die
74-Jährige mit österreichischem Akzent.
„Sehen Sie: Früher haben die Leute nichts
für den Strom der Klimaanlage bezahlen müssen und die
dann den ganzen Tag laufen lassen. Jetzt bekommen sie eine Rechnung und
stellen die Anlage auch mal aus."
Früher
war es so in Degania: Wer Mitglied war, bekam die grundlegenden Dinge
des Lebens kostenlos. Nicht nur die Elektrizität, sondern auch
die Wohnung, das Essen, die Kinderbetreuung, den Schulbesuch, die
Kleiderreinigung und sogar die Autoreparatur. Darüber hinaus
gab es ein kleines Gehalt, das für jeden gleich ausfiel, egal,
welchen Job man verrichtete oder wie hart man arbeitete. Mit dem
obligatorischen Einkommen konnte man in den kleinen Läden der
Siedlung einkaufen. Das funktionierte bargeldlos, die Beträge
wurden einfach vom Kibbuz-Mitgliedskonto abgebucht. Die Kinder von
Degania wuchsen oft auf, ohne leibhaftig einen Schekel gesehen zuhaben.
Alles, oder jedenfalls das meiste, gehörte allen. Der
Zusammenhalt war groß und beschlossene Sache: Gegessen werden
musste gemeinsam, morgens, mittags und abends in einer großen
Kantine im Zentrum der Siedlung. Frieda Rogel, die vor den Nazis nach
Shanghai floh und 1945 nach Palästina auswanderte, hat
wahrscheinlich zuviel erlebt, um sentimental auf die Vergangenheit zu
blicken. Wenn man die Rentnerin zum Beispiel auf das gemeinsame
Kantinen-Essen anspricht, das es so nicht mehr gibt, sagt sie nur:
„Manchmal fehlt es mir. Aber die Qualität von
Großküchen ist ja meist ziemlich schlecht. Das war
auch bei uns so." Heute bietet der große Speisesaal nur noch
mittags eine Mahlzeit an. Und die muss bezahlt werden. Wer will, kann
zu Hause essen. Aber genau genommen ist das nichts Neues: Die
Institution Speisesaal wurde von Degania schon vor Jahren abgeschafft.
Wie überhaupt viele Grundsätze über die
Jahrzehnte mitgeschleppt wurden. Frieda Rogel kann sich genau erinnern
an all die „heiklen Themen", wie sie es ausdrückt.
„Leben bedeutet Veränderung. Dem konnte sich auch
der Kibbuz nicht verschließen." In den 1960ern,“
sagt Frieda Rogel, „gab es eine
Debatte darüber, ob Fernseher in den Wohnungen erlaubt sein
sollten. Am Ende kaufte der Kibbuz seinen Mitgliedern Fernseher. Dann
gab es eine Dikussion, ob eine private Küche mit dem
Gemeinschaftsleben vereinbar wäre. Am Ende hatte jeder im
Kibbuz seine eigene Küche. Später wurde
darüber verhandelt, ob sich Einzelne ein Auto anschaffen
dürften. Am Ende durften sie es. Es wirkt wie das alte Duell
zwischen Hase und Igel. Als wäre der Kibbuz immer nur der
Wirklichkeit im Rest des Landes hinterhergelaufen.
Jetzt also der
endgültige Bruch mit der Tradition. Ab sofort müssen
die Mitglieder selbst bezahlen für Essen, Strom, für
Versicherungen und Reparaturen. Dafür bekommen sie ein
richtiges Gehalt, das auf private Bankkonten überwiesen wird.
Die einen verdienen viel, die anderen wenig. „Ich war
für die neuen Regeln", sagt Frieda Rogel und nimmt einen
Schluck Zitronenlimonade aus ihrem Glas. „Ich glaube, dass
die Menschen jetzt mehr achtgeben, nicht nur auf den Stromverbrauch."
Rogel hat viele Beispiele dafür parat, wie Einzelne
früher die Gemeinschaft ausnutzten: „Als sich beim
Essen noch jeder soviel nehmen durfte, wie er wollte, haben einige
Extra-Portionen .für ihre Verwandten außerhalb des
Kibbuz herausgeschleust. Und dann gab es Leute, die haben sich nicht
angestrengt bei der Arbeit. Die haben hier auf Kosten der anderen
gelebt."
Degania ist
eine kleine Gemeinschaft. In dieser überschaubaren Welt, in
der jeder ein Auge auf den anderen hat, kamen rasch Vorwürfe
auf: Du arbeitest nicht genug, du nimmst dir zuviel. Die
Atmosphäre war manchmal vergiftet. Frieda Rogel, deren Kinder
den Kibbuz für ein Leben anderswo in Israel und in den USA
verlassen haben, sagt: „Der Mensch ist offenbar nicht dazu
geboren, in einer Herde zu leben."
Zehn Minuten
Fußmarsch von Rogels grünem Garten entfernt, im
einstöckigen Haupthaus des Kibbuz, liefert Tzali Koperstain in
seinem Büro die nüchternen Fakten zu diesem
persönlichen Fazit. Koperstain, ein gedrungener und
kräftiger Mann mit grauem Haar, ist in der Kibbuz-Verwaltung
zuständig für die Wirtschaft. In Degania ernten sie
Bananen, Avocados und Weizen, aber es gibt auch eine kleine Fabrik, in
der Werkzeuge für die Diamantenverarbeitung hergestellt
werden. „Wir hatten zu viele Ausgaben und zu wenig
Einnahmen", sagt der 56-jährige Koperstain und lehnt sich in
seinem schwarzen Chefsessel hinter dem hölzernen Schreibtisch
zurück. „Aber vor allem waren wir nicht mehr
attraktiv genug für junge Leute. Sie gingen in Scharen. Unser
Durchschnittsalter liegt bei 55." Das konsumorientierte Leben in Tel
Aviv ist eben einfach aufregender und bietet mehr Selbstbestimmung.
Aber nicht nur, dass immer mehr Leute den Kibbuz verließen.
Vielen, die blieben, fehlte der Wille, sich für die
Gemeinschaft aufzuopfern. Die russisch-polnischen Pioniere, die Degania
Anfang des 20. Jahrhunderts buchstäblich im Nirgendwo
errichtet hatten, waren noch ganz von der Vision einer besseren Welt
beseelt gewesen. Beeinflusst von Marxismus und Zionismus wollten sie
eine Gesellschaft aufbauen, in der niemand den anderen
unterdrückte oder wirtschaftlich ausbeutete. Nach Deganias
Vorbild wurden erst Dutzende, später Hunderte solcher
sozialistischer Landkommunen errichtet. Anfangs funktionierten sie gut.
Die Kibbuzim kultivierten und besiedelten das Land, sie halfen, Israel
nach seiner Gründung zu verteidigen und sie schenkten dem
Staat viele seiner bedeutenden Männer, von Amos Oz bis Moshe
Dayan. Das Wort Kibbuz wurde zu einem Synonym für Israel,
obwohl nie mehr als sieben Prozent der Bevölkerung in den
Kollektivsiedlungen gelebt haben.
Der Niedergang
kam schleichend, nicht nur in Degania. Mit den Jahrzehnten bildeten in
den Kibbuzim zunehmend Leute die Mehrheit, die sich das sozialistische
Zusammenleben nicht erkämpft hatten, sondern zufällig
in die gelebte Utopie hineingeboren oder aus Bequemlichkeit zugezo gen
waren. Mit der Zeit gingen den Kibbuzim die wahren Kibbuzniks aus.
Im breiten Flur
vor Tzali Koperstains Büro hängen gerahmte
Schwarzweißfotos an der Wand, die Degania in den
Gründerjahren zeigen. Koperstain deutet mit dem Zeigefinger
auf eines von ihnen, ein postergroßes Bild, in dessen Mitte
man das aus Backsteinen errichtete Haupthaus sieht, in dem damals die
Siedler wohnten und das heute die Verwaltung beherbergt. Daneben der
alte Kuh- und Pferdestall, in dem jetzt Musikkonzerte stattfinden; drum
herum erstrecken sich endlose Getreidefelder, im Hintergrund ragen die
Berge auf. „Als die Aufnahme gemacht wurde, konnte man vom
Haupthaus noch bis zum See Genezareth schauen", sagt Koperstain mit
einem Lächeln. „Heute versperren Bäume und
Häuser den Blick." Das Foto ist Koperstains Lieblingsbild. Er,
der die Abkehr von den sozialistischen Prinzipien entscheidend
vorangetrieben hat, ist stolz auf Degania und seine Geschichte. Er
findet, dass es eine Erfolgsgeschichte ist und bleiben wird.
„Wir schaffen den Kibbuz nicht ab, wir verbessern ihn", sagt
er. „Wesentliche Dinge bleiben erhalten: die gute Pension
für die Alten, die Nachmittagsbetreuung für die
Kinder. Wer ein bestimmtes Grundeinkommen nicht erreicht, wird
finanziell von uns unterstützt."
Manchen ist das
nicht genug. Die Kassiererin in dem kleinen Laden gleich
gegenüber der Kibbuz-Verwaltung ist wütend. Ihren
Namen will sie nicht nennen. Die Frau mittleren Alters hat langes,
glattes Haar und sitzt auf einem Drehstuhl vor ihrer Computerkasse,
neben Kaugummis und Süßigkeiten. „Ob ich
für die Veränderung gestimmt habe? Eine Kassiererin
verdient nicht viel. Beantwortet das die Frage?" Vier, fünf
Kinder wollen Eis und Chips in bunten, knisternden
Plastiktüten kaufen. Als sie weg sind, schließt die
Frau ihre Kasse und meint: „Es musste sich was
ändern. Aber nicht so radikal."
Sind die
Reformen Rettung oder Ende des Kibbuz? Shoshi Hadar glaubt, die
Kibbuzniks werden bald begreifen, dass sie ein einmaliges Projekt
zerstört haben. Die 36-Jährige ist
Tierärztin in Degania. Die kleine Praxis, in der sie arbeitet,
gehörte früher der Gemeinschaft. Jetzt ist es ihre.
Hadar hat langes, lockiges Haar, trägt weiße
Handschuhe und einen hellgrünen Kittel. Sie beugt sich
über einen Metalltisch, auf dem ein betäubter Hund
liegt, den sie am Auge operiert. „In all diesen Diskussionen
über die neuen Regeln habe ich nur gesagt: Lasst die Leute ein
Jahr in Tel Aviv leben, damit sie die Sicherheit hier wieder zu
schätzen wissen!" Shoshi Hadar stammt aus Haifa, aus
„einer total kapitalistischen Familie". Nach ihrer
Militärzeit heiratete sie einen Mann aus dem Kibbuz und zog
nach Degania - aus Überzeugung. Doch bald merkte sie, dass sie
eine von wenigen Idealisten war. Daran, glaubt sie, ist paradoxerweise
der Kibbuz selbst schuld. Das Leben im Kollektiv habe die Leute
entmündigt. Shoshi Hadar setzt ihr Operationsbesteck ab und
grinst über das ganze Gesicht: „Als mein Mann den
Kibbuz das erste Mal verließ, hatte er keine Ahnung, was eine
Kreditkarte und ein Bankkonto ist", sagt sie. „Einigen Leuten
fehlte jede Vorstellung davon, wie viel Dinge kosten." Hadar beugt sich
hinunter zu dem Hund, macht ein paar Bewegungen mit dem OP-Messer, dann
schaut sie wieder nach oben. „Mit der Reform hat die
Kibbuz-Verwaltung jedem ein symbolisches Startgeld gegeben und manche
dachten, sie wären jetzt reich." Sie lacht spöttisch.
„Es waren ganze 500 Schekel." Das sind gerade mal 100 Euro.
Shoshi Hadar
hat darüber nachgedacht wegzuziehen. Aber ihr Mann
hängt an Degania. Wohin sollten die beiden auch gehen? Es sind
nicht mehr viele klassische Kibbuzim übrig geblieben.
Über kurz oder lang werden sie wohl alle kapitalistisch
werden. „Den ironischen Teil der Geschichte habe ich noch
nicht erwähnt", sagt Hadar und grinst wieder.
„Ausgerechnet ich gehöre jetzt zu den
Großverdienern hier. Vor zwei Wochen war ich in Thailand.
Früher hätte ich mir das nie leisten können.
Irgendwie auch gut."
Jüdische
Allgemeine vom 6. September 2007
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