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Kalendergeschichten
von
Aaron Demsky
Wir alle haben
das Wort „Neujahr" oft gehört; dabei handelt es sich
aber um einen relativen Begriff: Im gregorianischen Kalender bezeichnet
der 1. Januar den Beginn des Jahres, und in vielen Ländern
beginnt mit ihm auch das Finanzjahr. In China wird Neujahr am ersten
Neumond gefeiert, der im Allgemeinen in den Februar fällt. Und
im antiken Babylonien wurde Neujahr während der ersten zehn
Tage des Monats Nissanu gefeiert, zur
Frühlings-Tagundnachtgleiche.
Die
Beschreibung des hebräischen Kalenders in der Mischna (Rosch
Haschana 1.1) überrascht. Nicht einer, sondern vier
verschiedene Tage, die den Jahresbeginn markieren, werden genannt:
„Es gibt vier Neujahrsfeste. Am 1. Nissan ist Neujahr
für Könige und Feste. Am 1. Elul ist Neujahr
für den Zehnten des Viehs. Rabbi Eleazar und Rabbi Simeon
sagen aber, das Neujahr für den Zehnten des Viehs falle auf
den 1. Tischre. Am 1. Tischre ist Neujahr für das
Zählen der Jahre, der Schabbat- und Jubeljahre, für
das Pflanzen und (den Zehnten) des Gemüses. Am 1. Schewat ist
Neujahr für Bäume, laut dem Haus Schammai; das Haus
Hillel legt es jedoch auf dem 15. dieses Monats."
Der 1. Nissan
ist Neujahr für Könige, mit anderen Worten der Beginn
des bürgerlichen Jahres. In biblischer Zeit zählten
die Könige Israels die Jahre ihrer Herrschaft anhand dieses
Datums.
Anders als die
meisten Kalender der antiken Welt, die an der Natur ausgerichtet waren,
wählte der hebräische Kalender ein historisches
Ereignis - den Auszug aus Ägypten -, um den Beginn des Jahres
zu bezeichnen. Der Auszug aus Ägypten ist der Beginn des
Jahres für das Volk Israels. Ein Sklave hat keine Kontrolle
über seine Zeit, daher stellt das Gebot, einen Kalender
festzulegen, eine Art von Unabhängigkeitserklärung
dar für das Volk, das gerade seine Freiheit gewonnen hat.
Das zweite
Neujahr, das in der Mischna erwähnt wird, fällt auf
den 1. Elul, den sechsten Monat (von Nissan an gerechnet). Dieser Monat
ist die Zeit für den Zehnten der Herden. Wenn ein Mensch den
Zehnten und Geschenke zum Tempel und zu den Priestern bringt,
gehören laut den Weisen alle vor diesem Datum geborenen Tiere
dem vorangegangen Steuerjahr an, während alle nach dem ersten
Elul geborenen Tiere im laufenden Jahr verzehntet werden
müssen.
Der 1. Tischre (siebter Monat) ist ein
weiteres Neujahr, das die Mischna nennt. Von diesem Tag an werden die
Jahre gezählt; es ist der „offizielle" Beginn des
neuen Jahres. Eine Meinung lautet, dieses Datum sei gewählt
worden, weil es für andere antike Völker den Beginn
des neuen Jahres markierte. Zum Beispiel begann das Jahr im antiken
Kanaan im Herbst, wenn die Regenzeit einsetzte. Nach einer anderen
Anschauung wurde das Datum gewählt, weil es die
Schöpfung des Universums markiert. Die Mischna hält
fest, dass ein Schabbatjahr, in dem der Boden nicht bearbeitet werden
darf, und ein Jubeljahr ebenfalls an diesem Datum beginnen. Das Alter
eines Baumes wird von diesem Tag an gemessen, was für die
Festlegung der drei Jahre wichtig ist, in denen die Früchte
des jungen Baumes nicht gegessen werden dürfen. Auch wenn ein
Baum erst einen Monat vor dem ersten Tischre gepflanzt wurde, ist er an
diesem Tag ein Jahr alt und beginnt sein zweites Jahr. All diese Dinge
sind für die Landwirtschaft von Interesse, daher ist
für sie Neujahr am Beginn des Jahres in der Natur,
nämlich im Herbst, wenn die Regenzeit einsetzt.
Das vierte und
letzte in der Mischna verzeichnete Neujahr fällt auf den
Ersten des elften Monats Schewat. Das ist das Neujahr der
Bäume, da der Winter sich dem Ende nähert, die
Säfte wieder zu fließen beginnen und die
Bäume aus ihrem Winterschlaf erwachen, um eine neue Jahreszeit
im Zyklus ihres Lebens zu beginnen.
Die Mischna
spricht ausdrücklich nicht von vier Neujahrsfesten, die das
Jahr in vier gleiche Teile teilen; noch behauptet sie, dass die
verschiedenen Neujahrstage im jüdischen Leben das gleiche
Gewicht hätten. Die Neujahrstage gliedern sich in zwei
Kategorien. Der 1. Elul und der 15. Schewat sind Neujahrsfeste, die den
Zehnten des Viehs und der Pflanzen betreffen. Die beiden anderen Tage
stehen im Mittelpunkt des jüdischen Lebens, und ihre Bedeutung
nahm auch nach der Zerstörung des Zweiten Tempels nicht ab.
Beide unterstreichen grundlegende Werte und Themen des
jüdischen Volkes. Diese Daten, nahe an der Frühlings-
und Herbst-Tagundnachtgleiche, teilen das Jahr in zwei gleiche
sechsmonatige Segmente.
Was steckt
hinter diesen Daten? In vielerlei Hinsicht waren die Kalender der
antiken Welt Ausdruck der Natur. In der heidnischen Welt griffen Natur
und Religion ineinander; die Sonne und der Mond, die Felder,
Wälder, Flüsse, Stürme und die Fruchtbarkeit
- sie alle wurden zu Manifestationen der Götter und spiegelten
sich im Kalender wider.
Die antike
Welt, in die das israelitische Volk hineingeboren wurde, hatte zwei
Hauptzentren der Zivilisation: Mesopotamien und Ägypten. Beide
begannen ihre Geschichte als Flusszivilisationen, genau wie andere
große Zivilisationen, etwa Indien und China. Sie
zähmten die Macht des Flusses und machten sie nutzbar. So
begründeten sie politische Macht und entwickelten
religiöse Ausdrucksformen weiter. Wirtschaft und Kultur
Mesopotamiens beruhten auf der Bewässerung durch Tigris und
Euphrat, wie die Ägyptens vom Nil abhingen. Dementsprechend
legten diese Gesellschaften ihre Zeitzyklen fest: Das Jahr begann im
Frühling, wenn der Schnee in den Bergen schmolz und die
Flüsse zu füllen begann. Mit Hilfe dieses Datums
formalisierten und strukturierten sie ihr Verhältnis zu Natur,
Religion und staatlicher Herrschaft.
Die antiken
Israeliten wohnten in Kanaan, einer Region ohne großen Fluss,
der ihr Leben hätte beeinflussen können; daher war
das bäuerliche Leben abhängig vom Regen. In Kanaan,
dem späteren Land Israel, beginnt das natürliche Jahr
mit dem Einsetzen der Regenzeit.
Für
das Land Israel beginnt das natürliche Jahr am 1. Tischre.
Dieser Tag hat für die Juden sowohl natürliche als
auch übernatürliche Bedeutung. Das jüdische
Neujahr und der Versöhnungstag sind beides Tage, an denen
über alle Menschen geurteilt und die Welt der Natur neu
erschaffen wird. In der Liturgie von Rosch Haschana unterstreichen wir
die Universalität des Tages durch die Wiederholung der Worte
„Hajom harat olam" (dies ist der Tag, an dem die Welt
erschaffen wurde), das heißt, dies ist der Tag der
Schöpfung. Ebenso verkünden wir den
Versöhnungstag als „Tag des Gerichts für
alle Lebewesen". Diese Faktoren erhärten die Tatsache, dass
der 1. Tischre im Judentum der Beginn des natürlichen Jahres
ist. An diesem Tag wird über das Leben und die physischen
Bedürfnisse Israels und der ganzen Welt geurteilt.
Im Gegensatz zu
dieser universalistischen Perspektive wurde der Nissan von einem
partikularistischen Standpunkt als Beginn des jüdischen Jahres
gewählt. Wie bereits erläutert, war dies das erste
Mal in der Geschichte, dass ein Kalender etabliert wurde, der nicht auf
der Natur, sondern auf einem historischen Ereignis basierte. Das Jahr
im Frühling zu beginnen war ungewöhnlich in einer
Gesellschaft, in der die meisten Anfänge mit dem Herbst
verbunden waren. Die unausgesprochene Botschaft lautet, dass das
Judentum nicht auf der Natur beruht. Juden leben in einer anderen
Dimension. Wir feiern und heiligen die Daten historischer Ereignisse,
und wir feiern nicht unbedingt die Übergänge zwischen
den Jahreszeiten, die der heidnischen Welt um uns heilig waren. Wir
verleugnen die Natur nicht, doch wir huldigen keinem Naturgott.
Der
hebräische Kalender hält die paradoxe
Komplexität der Lebensereignisse im Gleichgewicht. Auf der
einen Seite verleiht er unserem Wunsch nach einer einzigartigen und
besonderen Identität Ausdruck, während er auf der
anderen unsere Bindungen an die ganze Menschheit bekräftigt.
Der eine Aspekt äußert sich im Neujahrsfest des
Monats Nissan, während sich der andere im Neujahrsfest des
Monats Tischre manifestiert. Die Mischna bestätigt diese
Harmonie der beiden Neujahrsfeste, die das Jahr in zwei gleiche
Hälften teilt.
Jüdische
Allgemeine vom 6. September 2007
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zuletzt
geändert am 25.05.2008
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