|
Billig fliegen
|
„Am
siebten Tag -
… sollst Du nicht fliegen“
EL AL ist die
einzige Fluggesellschaft der Welt, die einen Tag in der Woche am Boden
bleibt.
Von Detlev
Kauschke
EL AL ist seit
Januar 2005 privatisiert: Jetzt wiederholte sie eine noch als
staatliche Airline gemachte Zusage, am Schabbat nicht in die Luft zu
gehen.
„Sechs
Tage schaffe und tue all dein Werk, und der siebte Tag ist ein Schabbat
dem Ewigen, deinem Gott. Kein Werk sollst du tun..." So steht es in der
Tora (2. Buch Moses 20, 9-11). Die Mischna zählt 39 am
Heiligen Tag verbotene Tätigkeiten auf, Fliegen ist
natürlich nicht darunter. Aber der halachischen Deutung
zufolge gibt es selbstverständlich auch das Verbot der zivilen
Luftfahrt. Einzige Ausnahme, wie für alle anderen
Schabbatvorschriften, ist die Rettung von Menschenleben.
Ausländische Airlines kümmern biblische Gebote wenig,
auch andere israelische Fluggesellschaften fliegen an sieben Tagen in
der Woche. Doch für EL AL ist diese Frage von besonderer
Bedeutung, denn sie ist seit der Gründung 1948 nicht nur die
nationale Airline des jüdischen Staates, sondern auch erste
Adresse für die streng religiöse Kundschaft. Noch
1982 wurde der Airline von der Regierung verordnet, sich an den
wöchentlichen Ruhetag halten zu müssen. Heute hat sie
etwa 20 bis 30 Prozent fromme Passagiere. Deren Anteil ist insbesondere
auf den Verbindungen nach London und New York erheblich. Nicht nur auf
diesen Strecken bietet EL AL seinen orthodoxen Passagieren einen
besonderen Service: Auf Bestellung können glattkoschere
Menüs serviert werden, im Audio-Programm der Flieger laufen
religiöse Schiurim, im Filmprogramm entsprechende Angebote.
Auch für gemeinsame Gebete gibt es Möglichkeiten an
Bord.
Ende November
vergangenen Jahres zog sich EL AL dennoch den Unmut der
gläubigen Fluggäste zu. Denn um Verspätungen
nach einem Generalstreik in Israel aufzuholen, setzte die Airline den
Flugbetrieb noch nach Sonnenuntergang, also nach dem Beginn des
Schabbats, fort. Es gab empörte Proteste, verschiedene
ultraorthodoxe Führer riefen zu einem Boykott der
Fluggesellschaft auf. Der Rabbiner der litauischen Charedim, Yosef
Shalom Elyashiv, reagierte mit Unverständnis: EL AL sei die
meist bedrohte Fluggesellschaft der Welt, und gerade sie stelle jetzt
das Schabbat Gebot in Frage? In orthodoxen Medien tauchten Mitteilungen
auf, dass es „unpassend" wäre, mit EL AL zu fliegen.
Mehr noch: Einige Toragelehrte sprachen von „Sakanah", einer
Gefahr, die bei Flügen mit EL AL drohen würde. Sie
verwiesen auf die altbekannte talmudische Weisheit: „Mehr als
Israel den Schabbat hütet, hütet der Schabbat
Israel." Bleibt die Heiligkeit des Schabbats jedoch unbeachtet, so die
Rabbiner, riskieren Passagiere und Besatzungsmitglieder Kopf und Kragen.
Ein so
genannter „inoffizieller Boykott" war die Folge. Die
orthodoxe Passagiere buchten um. Gefordert wurde, dass eine rechtlich
bindende Vereinbarung erreicht werde, in der sich EL AL verpflichte,
nicht mehr am Schabbat zu fliegen. Schon kursierten Berichte, dass
Israir, der schärfste Konkurrent von EL AL auf dem
israelischen Markt, bereits in Verhandlungen mit Vertretern der
Orthodoxie stünde. Wochenlang ging es hin und her, der Boykott
soll Medienberichten zufolge das Unternehmen 1 Million Schekel
täglich gekostet haben.
Anfang Januar
dann war der Streit beigelegt. EL AL hatte mit Vertretern des Rates zur
Heiligung des Schabbats, einem Gremium, in dem die wichtigsten
orthodoxen Gruppen des Judentums vertreten sind, eine schriftliche
Vereinbarung unterzeichnet. Sie erlaube es der streng
religiösen Kundschaft weiterhin, mit EL AL zu fliegen,
hieß es. Einzelheiten des Abkommens wurden nicht bekannt. Nur
so viel, dass Rabbiner über die Einhaltung der Vereinbarung
wachen sollten. Der sefardische Oberrabbiner Schlomo Amar solle dabei
als Berater wirken.
Rechtsanwalt
Yaacov Weinrot, der die orthodoxe Seite vertrat, sagte der Tageszeitung
Yedioth Ahronoth, es sei eine Übereinkunft getroffen worden,
„die beide Seiten zufrieden stellt". Auch der aschkenasische
Oberrabbiner Yona Metzger lobte die Übereinkunft. Die
Tageszeitung Haaretz zitierte ihn mit den Worten: „Ich bin
sehr zufrieden über das Verständnis, dass das
Unternehmen der ultraorthodoxen Bevölkerung in dieser Frage
entgegenbringt."
Wer glaubte, EL
AL würde von weiteren Turbulenzen verschont, wurde gleich
eines Besseren belehrt. Es gab neuen Ärger. Anlass waren
Flüge am 23. Februar und 2. März. Beide sollten von
Toronto kommend noch vor Schabbatbeginn in Tel Aviv landen, schafften
es aber nicht rechtzeitig. Eine Maschine landete in London, die andere
in Zürich. Den religiösen Passagieren wurden
für den Schabbat Hotels besorgt, die säkularen
Fluggäste mit Sun D'Or, einer EL-AL-Tochtergesellschaft, nach
Hause geflogen.
Erneut gab es
heftige Proteste von orthodoxer Seite. EL AL entschuldigte sich. Die
Verantwortlichen des Unternehmens hoffen nun inständig, dass
dies Einzelfälle bleiben. Das ist verständlich. Denn
allein der Zwangsstopp in Zürich und seine Folgen soll Globes
zufolge 150.000 Dollar gekostet haben. „Zehn solcher
Vorfälle im Jahr, und wir können die Airline dicht
machen", zitierte die Wirtschaftszeitung einen EL-AL-Sprecher.
Bleibt der
talmudische Satz: „Mehr als Israel den Schabbat
hütet, hütet der Schabbat Israel." So lange EL AL den
siebten Tag heiligt, so die Rabbiner, wird der Ewige seine
schützende Hand über die israelische Airline halten.
Aus
Jüdische Allgemeine, 15.03.2007
zurück
|