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Besuch zu
Pessach
Von meinem
Freund Paul habe ich hier schon einmal vor längerer Zeit
berichtet. Paul ist ein Baal Teschuva, ein säkularer Jude, der
versucht, zum Glauben seiner Väter zurückzufinden.
Die Betonung liegt auf dem Wort „versucht". Paul ist zwar
ehrlich bemüht, sich mit den vielen ihm noch fremden Ritualen
vertraut zu machen. Aber so was braucht natürlich seine Zeit.
Da ich Paul vor
einiger Zeit unter meine rabbinischen Fittiche genommen habe,
fühlte ich mich auch moralisch verpflichtet, ihn um
Pessach-Seder bei uns zu Hause einzuladen. Paul ist, muss ich noch
ergänzen, ein Yuppie: Er arbeitet an der Wall Street,
trägt Armani-Anzüge und trinkt gewöhnlich
nur französische Grand Cru-Weine der besten
Jahrgänge. Aber zum Seder bestand er darauf,
süßen, klebrigen Manischewitz-Pessachwein zu sich zu
nehmen, obwohl ich ihm versicherte, dass das nicht halachisch zwingend
vorgeschrieben ist.
Wer Wein der
US-Firma Manischewitz kennt, weiß, dass er
scheußlich schmeckt, aber dafür hohen Alkoholgehalt
hat. Paul trank in rascher Folge sechs randvolle Gläser von
der Plörre. Anderen Leuten wäre davon schlecht
geworden. Nicht so Paul. Er war lediglich schicker as a Goj, wie man
sagt. Je länger der Abend, desto fröhlicher und
lauter war Paul. Auch seine Interpretation der Haggada wurde immer
origineller. Beim „Echad Mi Jodea" erklärte er, dass
eine Schwangerschaft drei Monate andauere und ließ sich ein
paar Takte später auch durch mich nicht davon
überzeugen, dass in der Tora mehr als sieben Stämme
Israels vorkommen. Beim „Chad Gadja" gab es den
nächsten Streit. „Nein Paul, ich glaube nicht, das
G'tt wirklich den Ochsen geschlachtet hat. Das Zicklein ist auch nicht
im Wasser ertrunken."
Dann endlich
war der Seder zu Ende. Doch das wollte Paul nicht akzeptieren. Er rief
mit lauter Stimme, wir müssten weitermachen, die
Erlösung sei nahe. Dann sprang er auf einen Stuhl und
verkündete, ich sei der Messias. „Paul", sagte ich,
„komm' runter von dem Stuhl und red' nicht so meschuggenes
Zeug!" „Doch, du bist der Messias. Wenn nicht für
die anderen, dann jedenfalls für mich!" Womit ich diese Ehre
denn verdient hätte, fragte ich ihn. „Du hast mir
beigebracht, die Haftara zu lesen!"
Schließlich
gelang es uns, unseren Sedergast zu beruhigen. Meine Frau brachte den
völlig betrunkenen Paul zu Bett. Und ich hörte die
Stimme des Lubawitscher Rebben von seinem himmlischen Seder
flüstern: „Ach, wenn es nur so einfach
wäre!"
Marc Howard
Wilson ist Rabbiner, Hobbykoch und Autor in Greenville, South Carolina
(USA). Er wiegt 119 Kilo und schreibt in der Jüdischen
Allgemeinen Zeitung alle zwei Wochen über jüdisches
Essen.
Jüdische
Allgemeine am 05.04.2007
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